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DIE REGEL
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DER GEFANGENE
JOURNAL
Meine Wörter
DER TAG, ALS ICH WEIHNACHTEN ABSCHAFFTE
Meine Mutter war ja nun mal weg.
Die Familie war explodiert, und so entschied ich mich, den Zusammenhalt zu gewährleisten, alles zu tun und zu opfern, um die Familie wieder zu einem glücklichen Ganzen zu machen.
Das betraf auch Weihnachten, eine Zeit, die mich stets sehr glücklich gemacht hatte- besonders die Zeit davor, wenn meine Eltern vergeblich versuchten, die Geschenke vor meinem Bruder und mir zu verstecken, oder sich auf spanisch über eben diese Geschenke zu unterhalten (obwohl ich schnell ahnte, wo sie die Geschenke versteckt hielten, schaffte ich es immer, mir selbst die geliebte „Bescherung“ am 24.12. nicht zu vermasseln und forschte nicht weiter nach).
Mein Vater hatte zu dieser Zeit eine Freundin, blond war sie und Trinkerin, wie mein Vater. Ich war dreizehn oder vierzehn Jahre alt. Ich hatte mit dem Fortgang meiner Mutter einige der nun vakanten Posten übernommen- einer musste es schließlich tun- unter anderem die Ausrichtung des Weihnachtsfestes.
Es gab Fondue. Immer.
Es gab Händels „Messias“. Immer.
Und es gab den Baum, der ein paar Tage vor dem 24.12. gekauft werden musste (dazu musste es schneien, die ganze Sache war wertlos, wenn wir nicht mit dem Baum unter den Armen durch die verschneiten Straßen in die Güntzelstrasse stapften),es musste eine Blaumanntanne sein, mindestens so und so groß mit eleganter Spitze –für den Weihnachtsengel (der in einer Glaskugel eingesperrt war. Kein Wunder, dass Weihnachten oftmals so verheerend endet, wenn man die Engel wegschließt und sie an der Arbeit hindert).
Es gab die südamerikanische Krippe aus Ton (auf einer Tourismusmesse erstanden), die Zentimetergenau an dem und dem Ort unter dem Baum zu platzieren war.
Es gab die Kerzenhalter und den Schmuck, der –sorgsam in Küchenpapier gewickelt- 11 Monate im muffigen Keller auf seinen großen Moment wartete.
Die Zeremonie war immer die gleiche gewesen: Meine Mutter schmückte den Baum, legte die Geschenke drunter und bereitete das Essen zu, während die drei Männer den Weihnachtsspaziergang machten.
Immer im Grunewald (zu Zeiten, als man dort noch ohne Hund spazieren gehen durfte). Der Spaziergang war für mich eine Mischung aus qualvoller Spannung und nervöser Vorfreude. Es gab nichts Wichtigeres auf der Welt.
Was würde ich unter der Blaumanntanne finden?
Bei der Gelegenheit muss ich erwähnen, dass ich NIE die „Carrera-Bahn“ dort liegen fand, die ich mir so sehr gewünscht hatte.
Ein Trauma unter dem ich lange litt.
Als wir nach Hause kamen, stürzte ich als erstes zur Wohnzimmertür, die mit geriffeltem Milchglas eingefasst war: schemenhaft erkannte ich den Baum, das Glitzern der Kugeln (Kein Lametta!! Das war der Inbegriff der Bürgerlichkeit!) und irgendwas, was da drunter lag (vielleicht ja diesmal die „Carrera-Bahn“?). Dann gingen wir in unsere Zimmer, zogen uns um, während auch unsere Eltern sich fein machten.
Meine Mutter zündete die Kerzen an und legte den unvermeidlichen „Messias“ auf. Dann klingelte sie mit einem Glöckchen und zu den jauchzenden „Halleluja“-Rufen des Chores betraten wir ehrfurchtsvoll das Wohnzimmer
(welches bei uns „Bibliothek“ hieß- auch ein stiller Protest gegen die Bourgeoisie).
Pflichtbewusst wurde zuerst der schöne Baum gelobt und wie prächtig und wohl ausbalanciert der Schmuck wieder gehängt wurde (samt eingekerkertem Weihnachtsengel). Dann stürzten mein Bruder und ich uns in Richtung Geschenke. Wie die Passagiere von Billigfluglinien, die in vollkommener Todesverachtung über das Rollfeld hasten, um den besten Platz zu ergattern.
Die Hitze der Kerzen und der Geruch des brutzelnden Öls im Fonduetopf rundeten das Bild ab. Ein schönes Bild.
Ich hatte also die Rolle meiner Mutter übernommen und ALLES genauso wie immer hergerichtet. Verzweifelt die korrekte Blaumanntanne gesucht und gefunden, das richtige Fondue-Fleisch bei „Bachhuber“ bestellt und abgeholt und so weiter. Generalstabsmäßig.
Mein Bruder hing schlecht gelaunt in seinem Zimmer rum und fand Weihnachten Scheiße. (Naja, ich würde den Narren schon eines besseren belehren! Was muss, das muss. Wenn ich hier schon einknicke, dann wird’s nix mit dem ganz großen ‚Happy End’. Armer Tonio).
Es war alles angerichtet: Baum (wohl ausbalanciert geschmückt) samt Weihnachtsengel und Krippe, darunter die Geschenke, auf dem Tisch das Essen, auf dem Plattenspieler der „Messias“.
Alles da.
Nur mein Vater nicht. Er war mit seiner Blondine vor Stunden losgezogen, „auf ein Bier“. Er war nicht da und würde auch in den nächsten zwei Stunden nicht auftauchen.
Ich saß da, die Schürze um, die meine Mutter auch immer getragen hatte (was muss, das muss) und versank in tiefe Traurigkeit., wie ein Soldat, der mit seinem Lieblingspanzer in die Schlacht ziehen wollte, aber der Feind hatte abgesagt.
Mein Bruder fläzte vor dem Fernseher- ich hatte die „Bibliothek“ in meiner Not mittlerweile freigegeben, ein unverzeihlicher Bruch des Protokolls.
Er sah sich in seiner Haltung gegenüber dem „Scheiß-Weihnachten“ bestätigt und mochte sich dafür, es sei ihm gegönnt, er hatte zu jener Zeit nicht viel Anlass, sich zu mögen.
Im Fernseher lief wahrscheinlich der „Seewolf“ (unvergessliche „Kartoffelszene“) oder ein Weihnachtsfilm mit Jimmy Stewart.
Das Öl im Fondue-Topf brutzelte nicht mehr- der Spiritusbrenner war leer, ich hatte nichts mehr nachgeschüttet.
Wozu auch?
Dann kamen die beiden.
Mein Vater voller Scham und voller Bier, die Blondine nur voller Bier. Mein Vater strich mir schuldbewusst über den heißen Kopf und roch nach Eckkneipe. Die Blondine lächelte verblödet und versuchte sich in Weihnachtsbotschaften aus dem Kalender.
Ich war ungeheuer beherrscht. Soldat.
Ich straffte wortlos meinen kleinen Körper, goss Spiritus in den Behälter unter dem Fonduetopf , zündete ihn an und marschierte in die Küche, um das Essen wieder hereinzutragen, das ich im Kühlschrank verstaut hatte.
Die beiden hatten sich neuen Treibstoff eingeschenkt und saßen mit glasigen Augen am Tisch. „Der ist aber schön“, sagte die blonde Frau und zeigte auf die Blaumanntanne. Ich nahm es zur Kenntnis, wie man es zur Kenntnis nimmt, wenn man soeben vom Friseur kommt, der einem wieder einmal die Frisur und damit das Leben versaut hat, und Irgendjemand sagt: „Oh, das steht Dir aber gut“.
Ratlos.
Schweigend servierte ich Soßen, Kräuterbaguette, Mixed Pickles und zum Schluss das Fleisch, abgehangene „Blume“ von erwähntem Fleischer Bachhuber.
Ich muss gestehen, dass ich-wohl in Folge der schrecklichen Ereignisse- völlig verdrängt habe, ob, wann und wie die „Bescherung“ stattgefunden hatte.
Es muss sehr schmerzhaft gewesen sein.
Im Gegensatz zu meinem Bruder gab ich den Freundinnen meines Vaters immer eine Chance (ganz einfach: wenn es ihm gut ging, ging es uns gut).
Mein Bruder nicht. A priori.
Und das, obwohl ich es war, der (heimlich) zu meiner Mutter hielt, nicht mein Bruder. Er hatte sich auf die Seite meines Vaters geschlagen –zumindest vordergründig- und meine Mutter vom Augenblick Ihres Weggangs an aus seinem Herzen geschmissen. Eine andere Art, mit dem Schmerz umzugehen, der auch bei ihm enorm gewesen sein muss. Ich hätte also allen Grund gehabt, die meist jüngeren Damen abzulehnen und zu schikanieren. Es kam mir nicht mal in den Sinn, es ging schließlich um den Erhalt dessen, was übrig geblieben war. Ich sah auch keinerlei „Konkurrenz“ für meine Mutter in den Freundinnen.
‚Vorübergehend’, muss ich gedacht haben, ‚bis Mamá wieder kommt’.
Alles war also bereit.
Widerwillig setzte sich auch mein Bruder an den Tisch. Im Hintergrund Händel, dessen „Messias“ zum Soundtrack des nun folgenden Grauens wurde, und der für mich wohl auf ewig mit dem Debakel verbunden bleiben wird.
Die Kerzen am Baum hatte ich löschen müssen, sie waren längst runtergebrannt, das Timing war schon lange im Arsch. Ich hatte meine erste Fonduegabel ins heiße Fett getaucht, da erhob sich die blondierte Frau, um vor dem Essen nochmal „aufs Örtchen“ zu gehen.
Dass ihr Bierpegel weit über Normal lag wurde uns allen in diesem Moment klar – und ihr zum Verhängnis. Sie taumelte, wankte, suchte Halt an der Tischkante – zu spät.
Ihrer Reaktionsfähigkeit zum großen Teil beraubt, blieb ihr nichts anderes übrig, als sich am Weihnachtsbaum festzuhalten, der in dankbarer Reichweite stand, jedoch dem Gewicht und der Wucht einer, mit Bier gefüllten Blondine nichts entgegenzusetzen hatte. Unter herzzerreißendem Seufzen gab sie nach, die Blaumanntanne, und neigte sich dem Boden zu, schlug knapp neben der Krippe auf.
Ein paar Christbaumkugeln knirschten ihr Leben aus, allein der große Weihnachtsengel in seiner gläsernen Kugel schien auf der Spitze des Baumes ausharren zu wollen.
Doch schließlich musste er einsehen, dass es auch für ihn das letzte Weihnachten sein würde. Es klirrte sanft, der gläserne Käfig zersprang und der Engel war in Freiheit – endlich.
Er stolperte in Richtung Balkontür, so, als wolle er sogleich Gebrauch von seiner neuen Freiheit machen.
Die Blondine hatte noch „Huch“ gerufen (als ob das helfen könnte) und lag nun wie das dicke Christuskind in einem Bett aus Blaumanntanne. Sie war, wie gesagt genau neben der Krippe aufgekommen und so schaute sie der weise König aus dem Orient von der Seite aus an, in seiner Hand die Gaben.
Weihnachten eben.
Ein schönes Bild.
Dazu Händel. Halleluja!
Ich sehe in Zeitlupe vor mir, wie mein Vater entgeistert aufsprang um zu helfen, ich höre das schallende Lachen meines Bruders, der Weihnachten in diesem Moment wieder zu mögen begann.
Ich erstarrte, erfror.
Mein Entsetzen ist nicht in Worte zu fassen. Tränen schossen in meine Augen, ich stand auf, riss mir die Schürze vom Körper und rannte in mein Zimmer.
Etwas Unfassbares war geschehen: Weihnachten war gefallen! Diese Schlacht musste ich für immer verloren geben. Es war schmerzhaft, ja, aber es gab ja noch andere Fronten!
Wenn ich heute daran zurückdenke, frage ich mich, ob es nicht vielleicht ein Fehler gewesen ist, die Kerzen auszumachen bevor das Unfassbare seinen Lauf nahm.
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ZWEI GRUPPEN
Ich unterteile neuerdings die Menschen in zwei Gruppen:
Die Eine sucht die Schuld an allem, was geschieht bei sich selbst, die Andere gibt sie stets ab. Woran es liegt, zu welcher Gruppe man gehört sollen die Psychologen entscheiden.
Ich fürchte, es entscheidet sich in der frühen Kindheit, ob man so oder so damit umgehen wird, was das Leben einem entgegenschmeißt. Die Folgen sind erstaunlich.
So erzählte ich unlängst meinem Bruder von meine Theorie. Er überlegte einen Moment mit gesenktem Blick und fragte mich schließlich: „Und zu welcher Gruppe gehöre ich?“
Er hatte sich die Antwort selber gegeben.
Ich bin mir bewusst, dass meine Theorie zu bäuerlich ist, um sich in der Welt der großen Worte durchzusetzen. Sie ist wahrscheinlich totaler Unsinn. Aber: sie zeigt Wirkung. Und das bedeutet, die „Schuld“ ist in der Welt. Sie wird nur sehr ungerecht verteilt.
Vor ein paar Tagen saß ich mit Freunden beim Essen. Ich erzählte von meiner Idee.
Ich wusste, dass mein Freund zur Gruppe der „Schuldabgeber“ gehört ( und möchte betonen, dass es in meiner Gruppierung kein GUT oder SCHLECHT gibt ).
Ich sagte :“ Ich gehöre zu Denjenigen, die alles Schlechte, was geschieht auf sich und das eigene Unvermögen zurückführen. Und die Konsequenz aus dieser Haltung ist, dass man ein Arschloch ist.“
Mein Freund antwortete: “ Aber mein Bester. Dafür hat man doch Freunde, die einen für ein Arschloch halten. Das muss man doch nicht selber tun.“
Wie Recht er hatte. Aus seiner Sicht gesehen. Mir wurde bewusst, dass ich mich in grundlegenden Fragen nur mit größter geistiger Mühe von meinem Wesen werde entfernen können. Ich glaube nicht, dass es zu einer „neuen Natur“ werden kann, was man an sich ändert, sondern ein mächtiger gedanklicher Kraftakt, der aufgebracht werden muss, um das eigene Verhalten in andere Bahnen zu lenken. Wenn ich locker lasse, wenn ich-wie beim Galopp- die Zügel aus den Händen gebe, werde ich zwangsläufig meiner ersten (und einzigen ) Natur folgen. Es ist demnach ein ständiger Aufwand, den ich betreiben muss, um mein Wesen zu zügeln, zu beherrschen, zu beobachten, zu bändigen, zu führen, zu kontrollieren.
Wie furchtbar. Wo mir doch ständig gesagt wird : Sei Du Selbst
Mach ich, aber werdet Ihr dann noch da sein? Ihr werdet es nicht mögen. Oder vielleicht sehr lieben, keine Ahnung. Ich weiß nur, jenes „Sei Du Selbst „ist im Grunde ein Gespenst, eine Rotweinphantasie (eine Schöne), ein Vorschlag, der sehr schnell bereut sein dürfte.
Ich bin Künstler. Guten Tag. Ich weiß, wovon ich schreibe. Ich schreibe vom“ Sei-Du-Selbst-Aber-Bitte-Nicht-Jetzt-Und-Nicht-Hier-Und-Nicht-So-Doll-und-überhaupt: Benimm Dich!“ Wenn Du „Du Selbst“ sein willst, geh‘ nach draußen. Vielleicht findest Du da Leute, die auch „Sie Selbst“ sein wollen. Wenn Du wieder normal bist, kommst Du an unseren Tisch zurück.
Kein Problem.
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WO WIR NIE WAREN
Wir waren nie in Paris
wir waren nie in New York
wir waren nie in Rio de Janeiro
wir wollten,
wir wollten wirklich.
Ach, die herrlichen Reisen.
Überall liegen Stadtpläne und
Reiseführer.
Unsere Träume
waren größer als wir.
Sie waren da.
Jetzt sind sie weg.
Mit uns.
Man kann sie nicht mitnehmen-
jeder für sich.
sie brauchen Liebende,
zum brennen.
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WENN DIE TOTE PARTIES FEIERN
Ich hatte mich bereits mit seinem Tod abgefunden. Er war gestorben, weggegangen, hatte sich verabschiedet von der Welt, die doch immer alles bedeutet. Kein Lied mehr singen, während er am Klavier saß, und über seine Brille hinweg die Einsätze gab.
Keine Musik mehr hören und darin schwimmen, gemeinsam mit den Meistern : Bill, Oscar, Erroll, Sarah und Miles.
Seine Frau hatte mich angerufen. „Gestern, um 18.14 Uhr hat er uns verlassen.“ Ich schwieg, es ist ein Tritt in den Bauch, alles fliegt weg von einem. So stelle ich mir die schwarzen Löcher im Weltraum vor: Eine Explosion, dann ein Blitz, dann zieht sich irgendwas zusammen und bildet ein Vakuum so groß wie das Saarland.
„Ich war bei ihm, er hat noch eine CD gehört, dann fing er schwer zu atmen an und dann ging er. Es war 18.14 Uhr „
Hatte sie auf die Uhr gesehen? Hing eine Uhr an der Wand des Krankenzimmers? Eine, mit kleinen, schwarzen Täfelchen, die im Minutentakt umklappen? War der Gerichtsmediziner eingetreten, hatte den Puls gefühlt und mit krakeliger Schrift in ein gelbes Dokument „18.14“ eingetragen?
Wohin geht man, wenn man geht. Niemand scheint es zu wissen. Außer mir.
(Man geht einkaufen. Für die Party.)
Ich war nämlich gestern Nacht auf seiner Party. Kleiner Kreis, enge Freunde, die meisten davon Musiker. Barbara , seine Frau, huschte im Hintergrund durch die Wohnung und schaffte Wein und Kanapees von hier nach dort, lies alles über den gierig geöffneten Mündern der Musiker fallen, wie eine Vogelmutter. Jazz. Er sah jung und friedlich aus, hatte abgenommen. Nicht durch den Krebs, eher durch die erfrischende Heilkraft des Todes. Frei von den Aufgaben des täglichen Lebens, frei von dem, was „Pflichten“ genannt wird. Er wirkte abwesend, als könne er sich noch nicht entscheiden, zwischen dem Reich der Toten und dem der Pflichten (Lebenden). Er brachte etwas Jenseitiges mit , es vermengte sich mit dem Zigaretten-Rauch. Beneidenswert. Unnahbar. Ich dachte : Für einen Toten siehst Du fast zu gut aus, mein Freund. Wie kommt es eigentlich, daß Du hier bist und nicht dort. Deine Frau hatte mich angerufen, um 18.14 Uhr bist Du gegangen. Und jetzt eine Party. Zu Deinen Ehren? Abschied? Heimkehr? Wiedergeburt? Mir fiel ein, daß seine Frau mich ein zweites Mal angerufen hatte.
„Es geht ihm besser. Es ist ein Wunder, aber es geht ihm besser. Die Ärzte sind sprachlos. Er ist noch schwach, aber er erholt sich. Stell‘ Dir vor!“
Ich brachte die beiden Anrufe nicht zusammen, denn die Nachricht seines Todes erreichte mich vor seiner wunderbaren Genesung. Im Hintergrund spielte Bill Evans „Israel“. Ich bin sicher, es wurde für eine Wiederauferstehungs-Party geschrieben.
Ich wollte mit ihm über seinen Tod reden, über die Krankheit, über meine Trauer,mein Mitgefühl.
Er schien es zu ahnen, lenkte ab, drehte sich weg, wandte sich Anderen zu. Als könne er riechen, was käme.
Er legte einen Zettel und einen Stift vor mich hin und sagte:“ Schreibst Du mir bitte Deine genaue Adresse auf, ich lege ein Verzeichnis meiner Freunde an. Vielleicht lohnt es sich nicht mehr, aber ich mach’s trotzdem“
Ich nahm den Stift und wollte sagen: “ Natürlich lohnt es sich noch“, sagte aber nichts, spürte nur, wie warme Tränen aufstiegen und meine Augen füllten wie eine Waschmaschine.
Er drehte sich wieder leicht zur Seite , meine Trauer schoss an ihm vorbei in den Raum, wo Bill Evans spielte und die Freunde tranken und wo das Leben war , klar und blau.
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DIE REGEL
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DER GEFANGENE
Ich habe Madonna nie gemocht. Ich glaube, sie hat sich auch nie gemocht.
Wer mag sich?
Ich war nie in einem Punkkonzert, obwohl ich meinen Stand bei den anderen verbessert hätte.
Ich trenne den Müll-aber ungern. Ich tue es heimlich. Manchmal, wenn ich wieder gegen die ‚verfettete, dumme, durchgeplante’ Welt rebelliere, schmeiße ich alles, aber auch al-les in die Haupttonne. Herrlich!
Dann fühle ich mich als Mensch.
Ich stehe an der Lebensmitteltheke von Butter Lindner und habe lange Zeit, mir was auszusuchen, die Frau vor mir ist eine von jenen Menschen, die „50 Gramm von der fetten Groben und dann noch zwei Scheiben vom ‚Schwarzwälder’ „ nehmen. Nicht zu vergessen die drei eingelegten Tomaten und die „halbe Kracherkruste“, was auch immer das ist.
So habe ich Zeit zu überlegen. Ich entscheide mich für das Schinkenbrötchen. Der Verkäufer kommt, ich sag :“ Ein Thunfischbrötchen,bitte“
So einer bin ich.
Ich habe die „AKW-nein Danke“-Bewegung niemals unterstützt. Nicht, weil ich für Atomkraftwerke war, nein ,ich war nur gegen gegen- Atomkraft.
Ich habe immer geträumt, von der großen weiten Welt, dazu die Musik von „Peter Stuyvesant“ oder „Lux“ mit Feuchtigkeitscreme. Das war die große Welt: Das Gesicht von einer berühmten Schauspielerin, dazu Bilder aus Cannes, Nizza. Grand Hotels mit Namen wie : Ambassador oder Palace. Und dann diese große Musik! Dieses zarte Cembalo ,irgendwann ,im Hintergrund, davor :Streicher. Musik aus den glorreichen Siebzigern, eine Musik, die mir von großen Zeiten erzählte, von Partys, in lauen Lüften, auf Yachten ,mit tollen Frauen (damals wusste ich, was ‚tolle Frauen’ seien, aber sie waren so schön unerreichbar). Alles roch wahrscheinlich nach „Lux“. Nach Lux – us.
Es gab sie, die „Große Welt“.
Ich sah sie. Sie wartete auf mich. Sie war für mich dahingestellt worden, sie war meine Zukünftige. Sie wartete geduldig, ich konnte mir alle Zeit lassen, die ich brauchte, sie würde warten. Ich sollte wachsen, und sollte mich gemächlich darauf vorbereiten, in diese Welt einzutreten.
Ich weiß nicht mehr, wann genau ich den Eintritt verpasste, es könnte ein Montag gewesen sein, ich hasse Montage, sie bringen nichts als Ärger und beenden den Traum von einem Leben ohne Altglascontainer.
Mir war natürlich nicht klar, dass ich soeben den Eingang in die Welt von „Lux“(mit Feuchtigkeitscreme) verpasst hatte, neinnein, das Leben ging weiter, der Dienstag musste bewältigt werden-schlimm genug (Dienstage sind nicht viel besser als Montage : sie bestätigen hämisch , dass es kein Leben ohne Altglascontainer gibt).
Ich lebte weiter.
Die Jahre vergingen und zuweilen kam mir „der Duft der großen , weiten Welt“ in die Quere.
Da wehte es mich dann an, dieses Gefühl, welches man mir später als „schwarze Galle“ erklären sollte.
Ich hab sie heute noch manchmal im Ohr, die Melodie von „Lux“ ( mit Feuchtigkeitscreme ), und heute weiß ich auch, wie die berühmte Schauspielerin hieß : Jane Seymour.
Ich träumte auch von der Liebe. Ein schöner Traum.
Um mich herum nichts als Liebe.
Ich träumte von einem selbstbestimmten Leben, von Glück in rauen Mengen, von nichts als Glück und schöner Liebe.
Klar, dass ich bald Ärger mit den Nachbarn bekam.
Dann sang ich.
Weißt Du, lieber Tag,
dass ich dich gerne hab,
dass ich dich immer so mag, auch wenn Du nach Zitrone schmeckst,
auch wenn Du die Schecks nicht deckst,
auch wenn Du nach altem Papier stinkst anstatt nach „Lux“
auch wenn Du mir Hamster bringst, anstatt ’nen Fuchs,
Wenn Du nicht da bist ist alles umsonst,
damit das mal klar ist : wenn Du nicht bald kommst,
dann mach ich das Licht aus, und dann kommt die Nacht.
Weißt Du, lieber Tag,
was ich besonders mag,
ist die Stunde vor acht,
bevor das Leben erwacht,
das Leben, oder das, was wir draus machen,
denn( um ) kurz nach sieben, bin ich einfach liegen geblieben,
hab von Nizza geträumt, vom Candlelight und von ’ner Yacht,
von den Dingen, die man in Nizza auf Yachten so macht,
und da spürte ich es, das große Gefühl,
es wehte hinüber, aus dem Traumgewühl,
es roch nach Lux mit Feuchtigkeitscreme,
es klang wie Träume klingen zudem,(angenehm)
und Träume klingen nach Cembalo,
ich lag also da ,kurz nach sieben ,und war mächtig froh.
Weißt Du, lieber Tag,
dass ich ganz furchtbar erschrak,
als ich das Cembalo durch Frauenhaare wehen sah,
als die Yacht samt candlelight am Ablegen war,
als das große Gefühl den Hafen von Nizza verließ?
da wurde ich traurig und zwar über dies:
Gefühle, die legen an, die legen ab,
ihre Liegezeit ist äußerst knapp,
und eines morgens, so kurz nach sieben,
sind sie auch nicht liegen geblieben.
Ich sah ihnen nach und dachte so:
das Boot ist weg, das Cembalo,
die Frauenhaare sowieso,
was bleibt, ob hier, in Nizza oder Prag,
bist Du ,geliebter ,lieber ,liebster , Tag.